Es war einer dieser Momente, die bleiben. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber tief. Ein Satz, der sich irgendwo in dir festsetzt und plötzlich anfängt, etwas zu verändern. Ich stand mit einem Freund in meiner Werkstatt. Überall lagen Ohrringe, Schmuckteile, Stoffe, Farben, kleine kreative Welten. Es war bunt. Lebendig. Ein bisschen chaotisch. Und gleichzeitig voller Möglichkeiten. Genau so, wie mein Kopf oft funktioniert. Ich schaute mich um und sagte – halb frustriert, halb erschöpft: „Siehst du, ich habe massig an Ohrringen, aber es kommt noch nichts beim Kunden an. Ich liebe es zu produzieren und zu basteln und zu nähen und zu kleben – aber es kommt nichts dabei rum.
Das ist mein ADHS.“ Er schaute mich an. Ganz ruhig. Und sagte etwas, das mich tief getroffen hat: „Nici, kannst du dieser Sache mal einen anderen Namen geben?
Was ich hier sehe, ist wundervoll und toll. Störung trifft hier nicht zu.“ Seit diesem Moment lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Denn vielleicht beginnt genau hier etwas ganz Wichtiges: die Frage, ob wir dem, was anders ist, automatisch einen defizitären Namen geben müssen.
Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitätsstörung – allein dieser Name trägt schon so viel Bewertung in sich. Aufmerksamkeitsdefizit. Hyperaktivität. Störung. Doch was genau ist denn diese „Störung“? Wenn wir es ganz nüchtern betrachten, bedeutet es vor allem: etwas funktioniert außerhalb der gesellschaftlichen Norm. Aber was ist bitte die Norm? Wer hat entschieden, was normal ist? Normal ist doch am Ende nur das, was irgendwann irgendjemand als Standard festgelegt hat. Wenn ein Staubsauger plötzlich Laub bläst statt Staub zu saugen, dann sagen wir: „Da stimmt doch was nicht.“ Aber vielleicht ist er gar nicht kaputt. Vielleicht kann er einfach mehr als das, was wir erwartet haben. Vielleicht wurde er nur für einen anderen Zweck gebaut. Und genau so fühlt sich ADHS oft an.
Es gibt viele Dinge, die außerhalb der gesellschaftlichen Erwartung liegen.
Zum Beispiel: Gedanken springen schnell, Konzentration funktioniert nicht linear, Routinen fallen schwer, Reizüberflutung passiert schnell, Ideen kommen gleichzeitig, Zeitgefühl ist oft anders, Ordnungssysteme klassischer Art funktionieren nicht immer. Das ist real. Und ja – es ist sehr, sehr herausfordernd. Das möchte ich ganz bewusst betonen. Denn es ist wichtig, nicht in eine romantisierte Sicht zu kippen. ADHS kann erschöpfend sein. Es kostet Kraft. Es ist herausfordernd, wenn das eigene Gehirn nicht in das System passt, in dem wir leben.
Ich glaube oft, dass nicht nur ADHS selbst herausfordernd ist. Mindestens genauso anstrengend ist es, ständig gegen ein System zu arbeiten, das nicht für uns gemacht wurde. Ein System, das lineares Arbeiten erwartet.
8 Stunden konzentriert. – Eine Aufgabe nach der anderen. – Struktur von außen. – Wiederholung. – Monotonie. Für viele neurodivergente Menschen ist genau das unglaublich schwer. Nicht weil sie weniger können. Sondern weil sie anders funktionieren. Und anders wird oft mit falsch verwechselt.
Denn da ist auch noch eine andere Seite. Die Seite, die wir viel zu oft vergessen. ADHS bringt oft mit sich: enorme Kreativität, Ideenreichtum, Intuition, ungewöhnliche Lösungswege, emotionale Tiefe, Hyperfokus bei Herzensthemen, Mut zum Ausprobieren und schöpferische Energie. Das ist keine Kleinigkeit. Gerade in kreativen Berufen kann das eine riesige Stärke sein. Ich sehe das jeden Tag in meiner Werkstatt. Ich erschaffe. Ich kombiniere. Ich entwickle. Ich sehe Dinge, die andere vielleicht so nicht sehen. Ja, manchmal fehlt noch der Weg bis zum Kunden. Ja, manchmal bleibt etwas liegen. Aber das, was da entsteht, ist wundervoll.
Gerade deshalb sind kreative Auszeiten, wie du sie auch in meinen Workbooks findest, für viele neurodivergente Menschen so wichtig. Kreativität ist nicht nur ein Hobby. Für viele ist sie Regulation. Ruhe. Fokus. Verarbeitung. Wenn meine Hände arbeiten, wird mein Kopf leiser.
Wenn ich Schmuck herstelle, male, schreibe oder neue Ideen entwickle, entsteht oft genau das, was klassische Entspannung nicht schafft: innere Ordnung. Das ist etwas, was viele Menschen mit ADHS sehr gut kennen. Kreativität reguliert. Sie schafft Fokus. Sie gibt Energie eine Richtung
Ein Wort, das sich für mich gerade unglaublich stimmig anfühlt, ist: neurobunte Schöpferkraft. Weil es genau das beschreibt, was ich in mir spüre. Nicht nur Chaos. Nicht nur Kampf. Sondern Schöpfung. Ideen. Emotion. Farbe. Tiefe. Nicht angepasst. Nicht glatt. Sondern echt.
Seit dem Gespräch in meiner Werkstatt begleitet mich eine Frage: Muss ich dieses Wort „Störung“ wirklich übernehmen? Denn natürlich gibt es Herausforderungen. Aber dieses Wort beschreibt nur eine Seite. Es blendet so vieles aus. Die Schönheit. Die Tiefe. Die Kreativität. Die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die andere vielleicht übersehen. Deshalb liebe ich den Gedanken, einen anderen Begriff dafür zu finden. Etwas, das die Herausforderungen nicht kleinredet – aber auch die Stärke sichtbar macht.
Ein Begriff, der sagt: anders denken, intensiv fühlen, kreativ erschaffen, nicht linear funktionieren, Neues in die Welt bringen
ADHS ist herausfordernd. Das darf niemals klein geredet werden. Aber es ist nicht nur Defizit, nicht nur Chaos, nicht nur Kampf. Es birgt auch eine enorme Kraft, die wir oft vergessen. Vielleicht ist es Zeit, der „Störung“ einen neuen Namen zu geben. Einen Namen, der auch das Schöne sichtbar macht. Wir wäre es mit „neurobunte Schöpferkraft“ ?